Körpersprache vs. Kommando - Hunden wirklich begegnen
- Antje Homfeldt
- vor 3 Tagen
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 15 Stunden
Wenn wir ein Kommando wie "Sitz" oder "Bleib" üben, entsteht eine Verknüpfung zwischen einem Reiz und einer Reaktion. Der Hund lernt, welche positive oder negative Konsequenz er zu erwarten hat, wenn er das Kommando ausführt oder eben nicht. Das kann in positiver Hinsicht Futter, Spielzeug oder auch ein freundliches Wort oder eine freudig erwartete Handlung sein. In negativer Hinsicht ist es möglicherweise das Weglassen der Belohnung oder auch ein Schimpfen, ein strafender Blick, eine spürbar negative Emotion oder Handlung des menschlichen Partners. Diese Verknüpfung bezieht sich auf eine spezifische Handlung in einem bestimmten Moment und soll nach klassischer Lerntheorie viele Male wiederholt werden, damit der Hund sie fast roboterhaft ausführt. Die Basis ist hier also in der Regel die Erwartung einer positiven Reaktion oder die Befürchtung einer Strafe.
Wenn wir erfolgreich geübt haben, unabhängig davon, ob wir Belohnung oder Bestrafung einsetzen, kann es sein, dass wir einen Hund erleben, der zwar auf unsere Kommandos hört, aber dennoch Verhalten zeigt, das sich uns nicht immer erklärt oder uns sogar beunruhigt. Ich möchte mit dir gemeinsam einen Blick darauf werfen und ergründen, welche Ursachen das haben kann und wie du in deiner Beziehung eine weitere Ebene erschließen und vielleicht das eine oder andere Thema damit lösen kannst.
Körpersprache unter Hunden

Wenn sich zwei Hunde zum ersten Mal begegnen, können wir oft beobachten, wie die ranghöheren Tiere über ihre körperlichen Signale Raum verwalten. Sie platzieren sich im "T" vor einem zweiten Hund und grenzen ihn so ein. Sie legen sich an einen Ort und zeigen dem anderen über ihre körperlichen Signale, dass er sich in respektvollem Abstand aufhalten soll. Sie beanspruchen eine Ressource, wie eine Schüssel Wasser oder einen Stock und machen klar, dass sie ihn auch nicht hergeben werden. In diesen ersten Minuten eines intensiven Gespräches zwischen zwei Hunden wird geklärt, wer sich wem unterordnet und welche grundlegenden Verhaltensregeln gelten.
Die Tatsache, dass ein Hund, der sich frontal und ruhig einem zweiten entgegenstellt und dieser diese Grenze akzeptiert, stehen bleibt und nicht einfach vorbeimarschiert, ist ein bedeutungsvoller Schritt in der Verhandlung der Beziehung zwischen diesen beiden Hunden und passiert nur, wenn einer dem anderen überlegen ist. Sie klären also über ihre Körpersignale, wer das Sagen in der Beziehung hat. Sie "fühlen" ihre Fähigkeiten an, und je nachdem, wer die Führung übernimmt, hat das weitreichende Auswirkungen auf ihr späteres Verhalten. So kann sich ein Hund beispielsweise grundsätzlich mehr entspannen, wenn er weiß, dass der andere Führungskompetenz besitzt. Oder er nimmt sich stärker zurück, wenn ein Reiz auftaucht. Er beginnt sich an ihm zu orientieren. Es geht also in einer tieferen Ebene der Beziehung darum, wer die Entscheidungen für die Gruppe treffen möchte und kann.
In meinem Hundeschulalltag passieren diese Beziehungsverhandlungen regelmäßig und bewirken in den Hundegruppen interessante Verhaltensänderungen. So gibt es Hunde, die in so einer Hundegruppe viel entspannter sind als im heimischen Garten. Hunde, die oft sehr lange Reize verbellen, beruhigen sich sehr schnell, wenn der ranghöhere Hund anwesend ist. Sie ziehen sich von einem Reiz zurück, sobald dieser sich "kümmert" und den Reiz bewertet. Eine Hundegruppe beobachtet den anwesenden führungsstarken Hund und reagiert wie er auf einen Hund, der neu dazukommt. Oft erhält dieser den Vorrang bei der Begrüßung. All diese Verhaltensweisen drücken aus, dass sich Hunde am ranghöchsten Mitglied der Gruppe sofort orientieren und ihr Verhalten entsprechend anpassen.
Die Bedeutung der Beziehung zu uns Menschen
Wenn wir schauen, wie Hunde in menschlicher Gesellschaft agieren, können wir beobachten, dass sie sich meist vorn aufhalten: an der Leine, an der Haustür, wenn etwas spannendes passiert. Wir können sehen, dass sie sich mit Kommandos lenken lassen, aber im Haus vielleicht ihrem Besitzer permanent hinterherlaufen und nur schwer alleine bleiben können, häufig aggressiv gegenüber Artgenossen auftreten, an der Leine ziehen, überdreht und aufgeregt sind oder permanent Aufmerksamkeit einfordern.
Es kann also sein, dass wir, obwohl unser Hund “hört”, eine Ebene übersehen haben, die aus Hundesicht eine Bedeutung hat. Es könnte sein, dass, wenn wir auf dieser Ebene beginnen Beziehung zu leben, unsere Hunde sich in vielen Bereichen verändern und sich eine Art von Entspannung einstellt, ohne das wir an einem spezifischen Problem arbeiten oder trainieren müssen. Übersehen wir diese Ebene aber, kann es sein, dass wir permanent gegen die Natur unseres Hundes arbeiten. Wir sagen auf unbewusster Ebene vielleicht “du führst”, während wir in bestimmten Situationen schimpfen und verzweifeln, obwohl unser Hund naturgemäß die Führung hat, weil wir genau das kommuniziert haben. Wir haben vielleicht unserem unsicheren Hund die Verantwortung für die Gruppe übergeben und beschweren uns nun, dass er damit nicht umgehen kann. Denn gerade die genannten Verhaltensweisen sind aus meiner Sicht oft (nicht immer) ein Ausdruck von einem Zuviel an Verantwortung.
Vielleicht ist es auch bei dir so, dass dein Hund zwar Kommandos befolgt, sich an der Leine oder im Freilauf ohne Kommando aber nicht zurücknehmen kann. Dann solltest du in Betracht ziehen, dass es in eurer Beziehung noch Missverständnisse gibt.

Um eins vorwegzunehmen, bevor wir uns mit Körpersprache auseinandersetzen: Körpersprache ist letztlich ein Ausdruck dessen, was in dir ist. Alles was du denkst und fühlst drückt sich in deiner Körpersprache aus. Und Hunde reagieren auf ihr Gegenüber, indem sie genau das spüren. Die Handlung allein sorgt also nicht dafür, dass dein Hund dir mehr Verantwortung überlässt. Vor allem deine innere Verfassung, deine ruhige und klare Energie bewirken, dass sich in eurer Beziehung etwas nachhaltig verändern kann.
Leider ist Körpersprache auch nicht immer etwas Positives für den Hund. Missverständliche Kommunikation oder respektlose und bedrohliche körperliche Signale sind genauso schädlich und können einschüchtern, wie Worte es können. Es geht also darum, den friedlichen und liebevollen Dialog auf Augenhöhe zu führen, sodass dein Hund sich wohlfühlt und freiwillig in eine Akzeptanz kommt, aus der Vertrauen wachsen kann.
In meinem Verständnis geht es nicht um ein schnelles Ergebnis, was man zweifellos mit Druck erreichen könnte. Es geht darum, Bindung zu fördern, dem Hund ein Partner auf Augenhöhe zu sein und ihm dennoch zu zeigen, dass man bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, um ihn zu entlasten.
Grundlegende Körpersignale und Beschwichtigungssignale verstehen
Bevor wir mit unserem Hund anfangen zu kommunizieren, ist es wichtig zu wissen, dass Hunde ständig versuchen, Konflikte zu vermeiden und Spannungen zu entschärfen. Dafür nutzen sie sogenannte Beschwichtigungssignale. Sie dienen dazu, sich selbst oder ihr Gegenüber zu beruhigen. Ein Verständnis dieser Signale ist unerlässlich, um die Absichten deines Hundes wirklich zu erkennen.
Gähnen, Strecken: Ein Hund, der in einer angespannten Situation gähnt oder sich streckt, ist meist nicht müde. Es ist ein klares Zeichen von Anspannung, die er versucht abzubauen.
Lippenlecken: Das schnelle Lecken über die Nase oder das Maul ist ein sehr häufiges Beschwichtigungssignal. Es kann Stress anzeigen und ist oft zu sehen. Es bedeutet letztlich: "Sorry".
Kopf wegdrehen/ Wegschauen: Blickkontakt wird in der Hundewelt als Herausforderung empfunden. Dreht dein Hund den Kopf oder schaut weg, versucht er, die Situation zu entschärfen und zu signalisieren, dass er keine Konfrontation wünscht.
Sich klein machen: Ein Hund, der sich duckt, den Kopf senkt und die Ohren anlegt, drückt Unsicherheit aus. Er versucht, sich kleiner und weniger bedrohlich zu machen.
Bogen laufen: Nähert sich ein Hund in einem großen Bogen, anstatt direkt auf ein anderes Tier oder einen Menschen zuzulaufen, ist dies ein sehr höfliches und freundliches Signal. Es zeigt, dass er keinen Konflikt will.
Niesen/Kratzen: Unpassendes Niesen oder sich Jucken kann ebenfalls ein Zeichen von Stress sein und dient der Selbstberuhigung.
Anbieten des Hinterteils: Dreht dein Hund seinen Rücken zu einem anderen Hund oder zu dir, zeigt er dir, dass du von ihm nichts zu befürchten hast.
Was du tun kannst, wenn dein Hund Beschwichtigungssignale zeigt
Wenn du diese Signale bei deinem Hund bemerkst, ist es deine Aufgabe, die Situation zu entschärfen und ihm zu zeigen, dass du verstanden hast. Damit übernimmst du die Verantwortung und stärkst das Vertrauen deines Hundes in dich.
Nimm den Druck heraus: Versuche, die Ursache für die Anspannung zu finden und zu reduzieren. Vielleicht braucht dein Hund einfach mehr Abstand zu einem anderen Hund, einer Person oder einem Objekt.
Körperliche Beruhigung: Wenn dein Hund Anspannung zeigt, gehe mit deinem Körper leicht in die Hocke oder drehe dich seitlich zu ihm. Du kannst auch den Blick abwenden oder langsam blinzeln, um zu signalisieren, dass du keine Bedrohung bist.
Kleine Gesten der Akzeptanz: Atme bewusst und ruhig. Halte kurz inne, wende dich ab, atme tief aus und sende ihm mit deiner Entspannung ein deutliches Signal.
Spreche in einer ruhigen Tonlage: Vermeide laute oder aufgeregte Kommandos. Sprich stattdessen mit einer ruhigen, tiefen und beruhigenden Stimme. Auch dein Wortschatz ist in diesem Moment nicht von Relevanz. Es geht um deine Energie.
Ignorieren, aber beobachten: Ignoriere das unerwünschte Verhalten des Hundes, wenn er überfordert ist. Beobachte ihn aber weiterhin, um seine inneren Empfindungen zu verstehen.
Erste kleine Übung:
Such dir einen Ort/ ein Zimmer im Haus/ in deiner Wohnung, wo dein Hund dir gern hin folgt und gehe in diese Richtung. An der Türschwelle drehst du dich ruhig und aufrecht zu ihm ein und verharrst, bis eine Reaktion von ihm folgt. Schau dabei über ihn hinweg. Meist setzen oder legen sich Hunde hin oder drehen ab. Wenn er versucht an dir vorbeizukommen, halte ihn auf, indem du deine Hand oder deinen Körper benutzt. Bleibe dabei ruhig und bewusst. Dann stell dich wieder gerade hin und warte, bis sich in ihm etwas verändert. Sobald er nachgibt, werde weich, dreh dich selbst von ihm weg und geh allein in den Raum. Wiederhole es so oft wie nötig ohne dabei ungeduldig zu werden. Dieser Raum ist jetzt gerade nur für dich. Zum Abschluss verlässt du den Raum wieder.
Diese Übung zeigt dir, ob dein Hund deine Raumforderung akzeptieren kann. Es zeigt aber vielleicht auch, wie wichtig es ihm ist, bei dir zu sein. Ist er dabei sehr vehement, kann es sein, dass er es als seine Aufgabe ansieht, für deine Sicherheit zu sorgen.
Wichtig ist, dass du dir bewusst machst, wer in eurer Beziehung Raum verwaltet. Nutze diese kleine Übung, um Absprachen zu treffen, anstelle von Kommandos:
wenn du das Haus verlässt
wenn Besuch kommt
wenn du allein in den Garten gehst
wenn du in die Küche oder ins Bad gehst
wenn du jemandem begegnest, den du allein begrüßen möchtest
wenn dein Hund dich verfolgt und immer aufstehst, wenn du es tust
Körpersprachliche Raumverwaltung klärt Beziehung, Zuständigkeit und Verantwortungsbereiche. Mach dir bewusst, wie viel Verantwortung dein Hund im Moment hat und wie viel ihm gut täte. Zuhause kannst du an der Beziehung arbeiten, ganz ohne Druck verhandelt ihr hier, wer grundsätzlich führt. Im Alltag draußen wird es dir dann sehr viel leichter fallen, Verantwortung für die aus Hundesicht wichtigen Dinge zu übernehmen.
Übung 2: Führen und folgen
Nun geht es darum, mit deinem Hund zu gehen, aber selbst die Verantwortung für die Situation zu übernehmen. Mach dir bewusst, dass du nun führen möchtest. Wenn du das das erste Mal versuchst, startest du zu Hause, wenn dein Hund gerade bei dir ist. Grenze deinen Hund dazu, wie in Übung eins, leicht ein. Wende dich nun in Laufrichtung ab, schau über deine Schulter zu ihm und lade ihn ein, mit dir zu kommen. Ihr solltet euch nun beide hintereinander durch den Raum bewegen. Signalisiere ihm, dass an deiner Schulterlinie eine Grenze ist. Nutze wenn nötig eine Leine. Bleibe immer ruhig und sanft, sodass er sich wohlfühlt. Verzichte bitte auf Druck und Kommandos.
Diese Übung kannst du in allen Situationen nutzen, wenn du mit ihm von A nach B gehen möchtest:
Im Hausflur
Auf Treppen
Beim Gang in den Garten
An Aus- und Eingängen
Auf schmalen Wegen
Auf dem Spaziergang (besonders in reizvoller Umgebung)
Wenn ihr ein neues Gebiet betretet

Heißt das, dein Hund muss immer hinter dir gehen? Nein! Es bedeutet, dass du die Verantwortung für eure Beziehung übernimmst. Du möchtest sehen, ob er dir die Verantwortung überlassen kann. Von vielen Hundehaltern weiß ich, dass ihre Hunde immer vorn gehen wollen. Das ist von Bedeutung. Frage dich, warum und welche Rolle dein Hund dir beimisst. Es könnte sein, dass er eine Leerstelle gefüllt hat, die er dir noch nicht abgeben kann.
Fazit: Der Beginn von wirklicher Kommunikation
Das Verstehen der Bedeutung von Körpersprache für deinen Hund ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Schritt in der Beziehung. Oft dürfen wir Körpersprache erst lernen, obwohl sie im Tierreich universell ist. Zu lange haben wir uns nur auf unsere Worte fokussiert. Dabei ist Körpersprache viel mehr als ein Werkzeug. Es ist ein Angebot zur Kommunikation, das viel weitreichender und bedeutsamer ist, als es ein trainiertes Kommando jemals sein könnte. Es geht nicht um eine isolierte Übung, sondern um eine innere Haltung. Es geht darum, deinen Hund auf einer tieferen Ebene zu verstehen und anzuerkennen, dass er das Bedürfnis hat, Rollen in der Gruppe auf diese Weise zu klären.
Wenn du dir Zeit nimmst, deinen Hund in verschiedenen Situationen zu beobachten – beim Spielen und bei der Begegnung mit anderen Hunden, indem du seine Signale verstehst, öffnest du vielleicht eine neue Tür, hinzu mehr Verständnis, Vertrauen und Sicherheit.
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