Beziehung statt Belohnung – Warum Hunde (und Menschen) mehr brauchen als Leckerli
- Antje Homfeldt
- 30. März 2021
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Juli
„Belohnung und Bestrafung sind die schwarze Magie des 19. Jahrhunderts.“ – Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther
Mit diesem Satz bringt der Hirnforscher auf den Punkt, was viele längst spüren: Erziehung, die auf Kontrolle basiert, ist nicht nur überholt – sie ist gefährlich. Sie manipuliert statt zu fördern, konditioniert statt zu verbinden. Und sie zerstört, was eigentlich wachsen sollte: Vertrauen, Einsicht und Beziehung.
„Mach Sitz“ – dann gibt’s einen Keks. „Bring eine Zwei in der Klassenarbeit“ – dann wartet eine Überraschung. Oder: „Wage es nicht, eine schlechte Note zu schreiben – sonst…!“
Diese Prinzipien kennen wir alle. Sie stammen aus der klassischen Lerntheorie: Verhalten wird durch Belohnung verstärkt und durch Bestrafung gehemmt. Doch was passiert dabei wirklich – in unserem Gehirn, in unserer Beziehung zu anderen, und in der Entwicklung unserer Hunde?
Autoritäre Erziehung – Kontrolle statt Beziehung

Belohnung und Bestrafung sind zentrale Elemente der autoritären Erziehung, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hat. Damals galt: Kinder (und Tiere) müssen „geformt“ werden – durch Gehorsam, Disziplin und strenge Regeln. Emotionale Bedürfnisse wurden oft ignoriert, individuelle Entwicklung unterdrückt.
Dieses Erziehungsmodell basiert auf:
Hierarchie: Der Erwachsene ist überlegen, das Kind oder Tier untergeordnet.
Gehorsam: Verhalten wird durch äußere Kontrolle gesteuert.
Konditionierung: Belohnung und Bestrafung ersetzen Einsicht und Dialog.
Auch heute ist diese Haltung noch weit verbreitet – oft unbewusst. Wenn wir sagen „Er muss lernen, wer das Sagen hat“ oder „Das muss er jetzt einfach tun“, greifen wir auf autoritäre Muster zurück.
Doch moderne Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung zeigen: Sicherheit, Beziehung und Sinn sind die wahren Grundlagen für gesundes Lernen und Verhalten.
Drei Erziehungsstile im Vergleich
Erziehungsstil | Merkmale | Folgen für Beziehung & Entwicklung |
Autoritär | Kontrolle, Gehorsam, Strafen | Unsicherheit, Anpassung, Misstrauen |
Laissez-faire | Wenig Führung, kaum Grenzen | Orientierungslosigkeit, Überforderung |
Bindungsorientiert | Klarheit, Beziehung, Sinnvermittlung | Vertrauen, Selbstwert, Kooperation |
Wenn Motivation zur Manipulation wird
Was als Erziehung beginnt, wird schnell zur Konditionierung. Kinder lernen, wie sie Belohnungen bekommen – und wie sie Strafen vermeiden. Sie erkennen, dass sie manipuliert werden, und beginnen selbst zu manipulieren: Eltern, Lehrer, später Vorgesetzte.
Dabei geht etwas Wesentliches verloren: Die intrinsische Motivation – also die Freude am Lernen, das Interesse am Neuen, die Bereitschaft, auch ungeliebte Aufgaben aus innerer Überzeugung zu erfüllen.
Bindung als Fundament für Entwicklung
Unser Gehirn – wie das aller Säugetiere – ist auf die bedingungslose Erfüllung unserer Grundbedürfnisse ausgerichtet: Zuwendung, Nahrung, Schutz. Werden diese Bedürfnisse zuverlässig gestillt, entsteht eine sichere Bindung. Wir entwickeln Selbstvertrauen, emotionale Stabilität und soziale Kompetenz.
Doch wenn Zuwendung an Bedingungen geknüpft wird, entsteht eine Störung. Unsicher gebundene Menschen leiden häufiger unter Ängsten, geringem Selbstwert und Beziehungsproblemen. Denn die erste Bindung wird zur inneren Schablone für alle späteren Beziehungen. Was wir als „normal“ erleben, wird zur Landkarte für Nähe und Vertrauen – ob gesund oder nicht.
Was wir vom Hund lernen können

Auch Hunde sind in ihren ersten Lebenswochen sicher gebunden – sonst könnten sie nicht überleben. Ihre Mutter erfüllt ihre Bedürfnisse bedingungslos. Sie formt Verhalten nicht durch Dressur, sondern durch Führung und Vorbild.
Keine Hundemama käme auf die Idee, ihre Welpen zu einem Abbild ihrer Wünsche zu machen. Sie begleitet sie beim Erkunden, setzt klare Grenzen und zeigt durch ihr eigenes Verhalten, was angemessen ist. Die Welpen lernen durch Nachahmung und Einsicht – nicht durch Leckerli.
Wenn wir als Menschen beginnen, Futter und soziale Interaktion an Bedingungen zu knüpfen, stören wir diese natürliche Bindung. Der Hund wird zur Marionette, nicht zum mitdenkenden Partner. Er zeigt Verhalten nur, solange die Belohnung stimmt – bleibt sie aus, bleibt auch das Verhalten aus.
Beziehung statt Dressur – ein neuer Weg

Was wäre, wenn wir unseren Hund nicht „funktionieren“ lassen, sondern verstehen? Wenn wir ihm nicht beibringen, was wir wollen – sondern ihm zeigen, warum es sinnvoll ist?
Ein Hund muss nicht „Sitz“ machen, wenn ein Artgenosse kommt. Er muss verstehen, dass wir die Begrüßung regeln – und dass er sich auf unsere Entscheidung verlassen kann. Das ist echte Führung. Und sie wirkt auch dann, wenn wir nicht direkt daneben stehen.
Schlussgedanke: Weniger Kontrolle, mehr Vertrauen
Fordern wir weniger automatisierte Aktionen. Hören wir auf, unseren Hund zu dressieren und unnatürliches Verhalten abzuverlangen. Zeigen wir ihm stattdessen im täglichen Miteinander, dass wir ein verlässlicher, klarer und liebevoller Partner sind.
Denn echte Beziehung entsteht nicht durch Belohnung – sondern durch Vertrauen, Verständnis und gemeinsame Erfahrungen.

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