Wenn dein Hund dir überallhin folgt – Liebe oder Kontrolle?
- Antje Homfeldt

- 4. Apr. 2021
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Jan.
Ein Verhalten, das wir oft missverstehen
Viele Hundehalter kennen es: Der Hund folgt einem auf Schritt und Tritt durch die Wohnung. Vom Wohnzimmer in die Küche, vom Bad ins Schlafzimmer – immer dabei. Und oft wird dieses Verhalten als Ausdruck tiefer Zuneigung interpretiert.
Doch so liebevoll es wirkt, steckt oft etwas anderes dahinter: Stress, Anspannung und Kontrolle. Dein Hund hat Zweifel daran, dass du dein Leben eigenständig meistern kannst. Und das kann weitreichende Folgen haben – drinnen wie draußen. Häufig können diese Hunde nicht alleine bleiben, gleichzeitig kann sich die fehlende Sicherheit in Aggression oder Aufregung ausdrücken. Viele Hunde gehen paradoxer weise draußen gern ihre eigenen Wege, z.B. Jagen, da sie aus ihrer Sicht die Verantwortung für das Überleben tragen.
Dein Hund als Spiegel deiner inneren Haltung

Hunde sind feinfühlige Beobachter. Sie nehmen unsere Körpersprache, Stimmung und Energie intensiver wahr, als wir selbst. Wenn dein Hund dich kontrolliert, kann das ein Spiegel deiner eigenen Unsicherheit oder Unklarheit sein.
Fühlst du dich oft gestresst oder überfordert?
Bist du innerlich unruhig, auch wenn du äußerlich ruhig wirkst?
Fällt es dir schwer, klare Grenzen zu setzen?
Dein Hund reagiert auf all das. Er übernimmt Verantwortung, wenn du sie nicht ausstrahlst – nicht aus Dominanz, sondern aus Fürsorge. Doch diese Rolle überfordert ihn.
Kontrollverhalten ist kein Fehler deines Hundes – sondern ein Hinweis. Ein Spiegel. Eine Einladung, dich selbst zu hinterfragen und zu wachsen.
Gründe für Kontrollierendes Verhalten
Unsicherheit in der Prägungsphase
Ein Welpe orientiert sich stark an seinem Menschen. Die Mutterhündin würde ab der 5. Woche anfangen, den Welpen den Zugang zu ihren Zitzen von Zeit zu Zeit zu nicht zu erlauben, sodass sie langsam entwöhnt werden. Gleichzeitig setzt sie damit wichtige soziale Grenzen um ihren Raum, die dazu führen, dass die Welpen Frustrationstoleranz entwickeln. Bei uns sollte diese Entwicklung fortgeführt werden, was häufig nicht passiert.
Konditionierung durch Belohnung
Wenn der Hund gelernt hat, dass Nähe zu dir mit Spiel, Futter oder Aufmerksamkeit verbunden ist, folgt er aus Erwartung – nicht aus Vertrauen.
Ständige Verfügbarkeit
Ein Hund, der jederzeit Nähe einfordern darf und immer belohnt wird, übernimmt die Verantwortung für Verbindung – und verliert die Fähigkeit zur Ruhe.
Körperkontakt als Kontrolle
Sich auf deine Füße zu legen oder dich zu blockieren ist kein Kuscheln – sondern Kontrolle. Dein Hund will sicherstellen, dass er nichts verpasst.
Charakterliche Veranlagung
Manche Hunde bringen von Natur aus ein hohes Maß an Wachsamkeit und Verantwortungsbewusstsein mit. Ohne klare Anleitung übernehmen sie selbst das Kommando.
Unsichere Bindung (unsicher ambivalent)
Wenn du deinem Hund gegenüber manchmal liebevoll und manchmal abweisend oder gar zornig bist, dann gleicht die Beziehung einem Glückspiel. Dein Hund erhöht dann seine Bemühungen um Bindung aus Angst um das Fortbestehen der Verbindung.
So gehst du vor – klare Körpersprache statt Kommandos
Du möchtest deinem Hund vermitteln: „Ich bin eigenständig. Du musst mich nicht begleiten oder bewachen.“ Das gelingt durch ruhige, friedliche Abgrenzung.
Deine Haltung ist entscheidend:
Nimm einen Moment, in dem ihr beide entspannt seid. Vielleicht sitzt ihr gerade im Wohnzimmer.
Steh auf und reagiere in dem Moment, wenn er aufsteht, mit einem kurzen Laut, der ausdrückt "Stopp, das musst du nicht!"
Vermeide dabei Blickkontakt – er lädt zur Interaktion ein.
Danach bewegst du dich ruhig weg, ein Stück zunächst, und setzt dich dann wieder zurück auf deinen Platz. Vermeide unbewusste Belohnungen durch Aufmerksamkeit oder Ansprache. Du möchtest nicht dass dein Hund einer Erwartung an dein Weggehen knüpft, das würde Entspannung verhindern.
Geh als nächstes etwas weiter weg, indem du ebenfalls das Aufstehen "begrenzt".
Wenn dein Hund aufsteht, stelle dich ruhig und aufrecht in seinen Weg, ohne ihn anzusehen. Warte so lange, bis er sich wieder hinlegt oder weggeht, dann geh.
Lass deinen Hund nicht an strategischen Orten liegen, wo er bemerkt wer sich wohin bewegt. Damit erleichterst du ihm zur Ruhe zu kommen.
Evtl. Nutzt du einen festen Ruheplatz – nicht im Durchgang, nicht an Tür oder Fenster.
Wiederhole diese Routine geduldig und konsequent immer mal wieder. Dein Hund wird lernen: „Ich muss nichts tun. Du kommst klar.“
Optional kannst du eine Hausleine am Geschirr nutzen, um ihn sanft zurückzuführen – ohne Druck, ohne Worte.
Warum kein Kommando und kein Leckerli?
Du möchtest, dass dein Hund nicht in Erwartung lebt, sondern wirklich loslässt. Ein Kommando oder ein Keks würde ihn in eine aktive Rolle bringen – genau das willst du vermeiden. Was es stattdessen braucht: Geduld, Klarheit und Beharrlichkeit und kleine Schritte.
Neue Impulse für dich und deinen Hund
Wähle 2–3 Impulse, die du in den nächsten Tagen bewusst umsetzen möchtest:
Ich bewege mich durch die Wohnung ruhig und selbstständig.
Ich verlasse Räume kommentarlos – ohne Schuldgefühl.
Ich ignoriere abforderndes Verhalten freundlich, aber klar.
Ich schenke meinem Hund einen festen Ruheplatz – und mir selbst inneren Raum.
Ich beruhige meine inneren Anteile, bevor ich reagiere.
Ich vertraue darauf, dass mein Hund mich nicht kontrollieren muss, wenn ich mich selbst führe.
Formuliere einen Satz, der dich in deiner neuen Haltung stärkt – z. B.: „Ich bin ruhig und klar. Mein Hund darf entspannen.“

Abschlussimpuls
Dein Hund folgt dir nicht, weil er dich liebt – sondern weil er glaubt, du brauchst ihn. Wenn du ihm zeigst, dass du dich selbst führen kannst, wird er dir endlich vertrauen – und sich ganz ohne Kontrolle mit dir verbunden fühlen



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